Interview mit Thomas Ballast
„Gesundes Essen muss nicht teurer sein“
Wie bringt man Nachhaltigkeit in Krankenhausküchen, wenn Budgets knapp und rechtliche Vorgaben starr sind? Darüber spricht Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse und Experte im Gesundheitswesen, im Interview mit der WeACT Con.
Interview: WeACT Con
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Herr Ballast, die TK wurde im Dezember 2025 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch! Wie fühlt sich das an?
Thomas Ballast: Wir freuen uns sehr über den Erfolg. Für uns ist die Auszeichnung eine starke Bestätigung dafür, dass wir mit unseren Bemühungen rund um Nachhaltigkeit auf einem guten Weg sind und das auch anerkannt wird.
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Auf der WeACT Con 24 haben Sie sich öffentlich für nachhaltige Ernährung in Krankenhäusern starkgemacht. Warum liegt Ihnen dieses Thema so am Herzen?
Nachhaltigkeit hat für uns in der TK zwei Dimensionen. Das eine ist: Wie verankern wir verantwortungsvolles Handeln im eigenen Unternehmen? Das andere: Wie setzen wir Impulse, damit auch andere Akteure im Gesundheitswesen nachhaltiger arbeiten? Da gibt es viele mögliche Ansätze, etwas zu bewegen.
Einer davon ist eben direkt im Krankenhaus. Auf dem Podium der WeACT Con 24 haben Andrea Galle (Vorständin der mkk, Anm. d. Red.) und Dr. Gertrud Demmler (Vorständin der SBK, Anm. d. Red.) und ich unter anderem über das Thema Krankenhausessen gesprochen – und für uns ist klar: Da gibt es einen großen Hebel. Es geht um die Auswahl der Lebensmittel, um regionale und frische Produkte, aber auch um Mengenplanung, Resteverwertung und Küchenprozesse. Krankenhausküchen produzieren täglich enorme Mengen – das nachhaltiger zu organisieren kann eine echte Win-Win-Situation sein.
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Sie haben anschließend mit weiteren Partner*innen eine Projektgruppe ins Leben gerufen. Diese will mit einem Leuchtturmprojekt zeigen, dass nachhaltiges und gesundes Essen zu möglichst gleichbleibenden Kosten realisierbar ist. Wo stehen Sie mit dem Projekt?
Wir wollen mit einem Pilotprojekt an der Berliner Charité zeigen, dass Verpflegung im Krankenhaus nachhaltiger und gesünder geht. Und das, ohne dass die Charité dafür langfristig mehr bezahlen muss – abseits davon, zunächst in die Prozessumstellungen zu investieren. Doch sobald nachhaltigere Lieferketten etabliert sind und Mengen sauber geplant werden, kann die Küche langfristig mit ähnlichen Kosten betrieben werden wie heute. Gesundes Essen muss nicht teurer sein. Wir wollen den typischen Zielkonflikt vermeiden, dass nachhaltiger besser, aber teurer ist. Unsere Projektpartner wissen, dass das machbar ist.
Um das Projekt zu finanzieren, haben wir gemeinsam einen Antrag beim Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gestellt - leider ohne positive Rückmeldung. Aber wir geben nicht auf und prüfen nun andere Wege, das Projekt zu finanzieren und uns für eine nachhaltige Krankenhausverpflegung einzusetzen.
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Sie sagen, dass auch rechtliche Hürden einer besseren Krankenhaus-Ernährung im Weg stehen. Wie sehen diese Hürden aus?
Uns fehlt eine klare Grundlage im Sozialgesetzbuch, um Nachhaltigkeitskriterien in Verträgen mit Leistungserbringern zu verankern. Momentan müssen wir uns ausschließlich an dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit orientieren, das ist natürlich grundsätzlich sinnvoll. An dieser Stelle reicht es aber nicht aus, sonst werden langfristige und gesellschaftliche Folgen, zum Beispiel die des Klimawandels, vernachlässigt.
Wir wünschen uns daher, dass Nachhaltigkeit, also Klimaschutz und Klimaanpassung, als verpflichtendes Kriterium in die Leistungserbringung aufgenommen wird. Das löst nicht automatisch Mehrkosten aus, schafft aber Spielräume für nachhaltigere Entscheidungen. Es könnte z.B. Krankenhäusern ermöglichen häufiger Mehrwegprodukte statt Einwegprodukte einzusetzen – ohne dass sie dafür rechtlich angreifbar wären.
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Das Motto der WeACT Con 2026 lautet „Resilienz“. Was kann die TK dazu beitragen?
Resilienz hat zwei Seiten. Die eine: Wir müssen unseren Umgang mit Ressourcen verändern, um das Klima zu schützen. Die andere: Wir müssen uns an veränderte Umweltbedingungen anpassen – an Hitze, neue Erreger, veränderte Infektionslagen.
Das Gesundheitswesen braucht Antworten darauf. Bauliche Maßnahmen, bessere Aufklärung, neue Präventionsstrategien. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Klima verändert, ist hoch. Wir müssen deshalb noch schneller werden in unseren Bemühungen, dagegen vorzugehen und uns daran anzupassen – dafür braucht es vor allem politisches Engagement. Nicht zuletzt kann aber auch jede und jeder Einzelne etwas tun. Schließlich wirken sich die Folgen des Klimawandels auf unser aller Gesundheit aus. Umgekehrt ist das, was dem Klima guttut, oft auch für die Gesundheit gut, wenn man beispielsweise öfter mit dem Fahrrad statt dem Auto zum Bäcker fährt.
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Welche Rolle spielt die TK dabei?
Als größte Krankenkasse tragen wir gesellschaftliche Verantwortung. Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen in einer gesunden Umwelt gesund leben können. Auch unsere eigenen Mitarbeitenden – 15.000 Menschen – erwarten, dass wir uns ernsthaft mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Und ebenso schätzen das unsere mehr als 12 Millionen Versicherten. Am Ende entsteht eine Win-Win-Situation: Wir tun etwas für eine gesunde Umwelt, schützen die Gesundheit unserer Versicherten und tragen zugleich zu einem modernen Gesundheitssystem bei.
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Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ballast.
Ich danke Ihnen.
Thomas Ballast ist seit 2012 stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Techniker Krankenkasse (TK). Er verantwortet dort insbesondere die Versorgungsbereiche. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen darüber hinaus der Kundenservice in Telefonie, Web und App sowie das Nachhaltigkeitsmanagement und weitere interne Einheiten wie das Einkaufs- und das Immobilienmanagement. Er setzt sich für eine zukunftsfähige, nachhaltige und patientenorientierte Versorgung ein.
Begründung der Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises (Auszug)
Die Techniker Krankenkasse erhält den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für ihre ganzheitliche Verankerung von Nachhaltigkeit in Governance, Prozessen und Unternehmenskultur. Ausschlaggebend sind ihre klimafreundliche Immobilienstrategie, die konsequente Digitalisierung der Kundenkommunikation sowie ein systematisches Klimamanagement. Zudem setzt die TK branchenweit Impulse – etwa durch nachhaltige Beschaffung, Anreize in Versorgungsverträgen, Initiativen mit Partnern und ihr Engagement in Netzwerken – und gilt damit als Vorreiterin der Transformation im Gesundheitswesen. [...] Die TK beteiligt sich an Nachhaltigkeits-Netzwerken (Hitzeaktionstag, WeACT Con, Gesundheitsforen Leipzig, Klimakampagne Hamburg) und richtet Veranstaltungen dazu aus (z.B. Forum Versorgung oder in Landesvertretungen). [...]
Krankenhausverpflegung: Das sagen aktuelle Studien
Klimafolgen: Schweizer Wissenschaftler*innen schätzen, dass Krankenhausverpflegung für 17 Prozent der durchschnittlichen Treibhausgasemissionen eines Krankenhauses verantwortlich ist. Datengrundlage ist eine Ökobilanz von 33 Schweizer Krankenhäusern. Krankenhausverpflegung gehört damit mit der Gebäude-Infrastruktur zu den größten Emittenten, noch vor Wärme und Elektrizität.
Keller et al. (2021) From bandages to buildings: Identifying the environmental hotspots of hospitals. Journal of Cleaner Production 319: 128479 https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2021.128479
Gesundheitseffekte: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) warnt: „50.000 Todesfälle pro Jahr wären vermeidbar“ – und zwar durch „ein systematisches Screening und eine leitliniengerechte Ernährungstherapie.“ In der Pressemitteilung schreibt die DGEM außerdem: „Allein im Krankenhaus verliere ein älterer Patient innerhalb von 3 Tagen bis zu 1 Kilogramm Muskelmasse.“
Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (2025, 17. November): DGEM warnt: Millionen Menschen sind mangelernährt – auch Ältere und Menschen mit Diabetes und Adipositas [Pressemitteilung].
https://www.dgem.de/pressemitteilungs-archiv-112025-0